dancing on the borderline


Was soll ich sagen?

Ich wollte immer "besser" sein als meine Eltern. Es "besser" haben. Vor allem "besser" als meine Mutter. Dieses Besser konnte ich lange Zeit nicht wirklich definieren, nur fühlen. Es hatte etwas zu tun mit dem emotionalen Zustand, den man hat, mit der psychischen Gesundheit. Es ging um Geld, Bildung und darum glücklich zu sein - vor allem in einer Beziehung.

Meine Eltern sind krank. Beide. Und damit meine ich nicht die Tatsache, dass meine Mutter todkrank ist. Beide sind sie krank, schon viele Jahre. Sie haben sich nie helfen lassen, geschweige denn einander geholfen. Hier habe ich es besser: Ich war krank und habe mir helfen lassen. Ich bin krank und lasse mir helfen. Und nebenbei habe ich einen Menschen, der mich unterstützt.

Natürlich haben sie in gewissem Sinne mehr Geld, was am Alter und dem Verdienst liegt. Sie würden immer sagen, dass sie keines haben und noch immer verschuldet sind. Das mag sein. Ich würde auch immer sagen, dass ich keines habe und auch noch das Geld der Schule aus Mainz abbezahlen muss, sobald sich mein Anwalt mit den gegnerischen Anwälten auf einen Satz geeinigt hat. Dennoch habe ich so viel Geld, dass meine Kaninchen genug zu fressen haben (und zwar all die guten Frischen Dinge und teuren Kräuter) und ich sie zum Tierarzt bringen kann - selbst wenn es nur Routineuntersuchungen sind (Zähne, Krallen, Ohren). Ich habe genug zu essen. Das hätte ich auch, wenn ich "normal" und "ordentlich" essen würde. Ich habe ein Auto, ein tolles wahnsinnig schickes: Meinen Aygo auf den ich Monate gespart habe. Ein besserer Wagen als der meiner Eltern. Ich muss mir nicht groß Gedanken machen, wenn ich spontan, so wie heute, meinen Freund zur Berufsschule fahre und dann Heim obwohl das sehr viele extra Kilometer für meinen Tank sind. Ich kann meine Versicherung pünktlich zahlen. Auch kann ich die Selbstbeteiligung leisten, die die Rechtsschutzversicherung inkludiert. Ich konnte mir einen unheimlich teuren Daunenmantel kaufen - was ich aber eigentlich nur tat, weil ich ihn wirklich brauchte. Und diese kleine Swarovski-Kette, die mir schon so lange so sehr gefällt, die könnte ich mir theoretisch selbst zu Weihnachten schenken, sie ist nicht besonders teuer. Beziehungsweise sie mir einfach kaufen, weil sie mir schon seit Monaten im Kopf rumgeistert und ich einfach gern eine zum Wechseln hätte.

Darüber hinaus bin ich tatsächlich besser gebildet als meine Eltern, was die Schulbildung angeht. Davon abgesehen glänzt mein Vater mit einem unglaublichen Allgemeinwissen, das ich respektiere und achte. Meine Mutter hat eine unheimlich gute soziale Kompetenz. Das bringt einen oft weiter als vieles andere.

Aber um was es wirklich geht... Ich bin nicht Jahre lang, Jahrzehnte lang mit jemandem zusammen, den ich nicht mehr liebe. Ich unterstelle einfach mal, dass das der Fall ist und bin mir dabei sehr sicher. Lebe nicht mit jemandem unter einem Dach zusammen, der mir an Leib und Seele schadet. Ich werde nicht verbal, emotional, sozial und physisch misshandelt (nicht mehr). Natürlich habe ich es etwas leichter gehabt als meine Mutter: Ich wohnte nicht mit diesem Typen zusammen, hatte mit ihm keine Kinder. Aber ich bin so viel jünger bzw so viel jünger gewesen und ich war ganz auf mich allein gestellt. Und ich bin da raus gekommen. Wieviel Anteil mein heutiger Freund daran hat, weiß ich nicht genau. Vermutlich einen hohen Anteil. Dennoch: Raus wollen musste ich allein, die Schritte tun, das musste ich auch allein. Und ich habe es getan. Ich wollte es tun. Nicht nur, weil ich wusste, dass es mich längerfristig krank hält und nur noch kränker machen wird, sondern vor allem, weil ich nicht so werden wollte wie meine Eltern. Schon gar nicht wie meine Mutter. Weil ich es besser haben wollte.

Und das habe ich. Sehr viel besser. Und ich wünsche ihr, vor allem, weil ihr vielleicht nur noch wenig Zeit bleibt, dass sie da heraus kommen kann um die restliche Zeit glücklicher zu verbringen als die vorherige. Sie sprach gerade heute wieder davon sich demnächst, wenn er nicht da ist, um die Papiere der Wohnung zu kümmern. Ich hoffe, dass sie es tut. Ebenfalls sagte sie, sie müsse dringend ein Schreiben aufsetzen, das mich dazu berechtigt, was mit den Katzen passieren soll, falls sie mal nicht mehr da ist. Nicht ihn, ihren Ehemann, meinen Vater. Sondern mich, ihr einziges Kind. Weil sie mir mehr vertraut als sie es bei ihm jemals tun würde (was sehr schlau ist). Für die Katzen sorgen könnte ich nicht, mir würde es in meiner Wohnung nicht (auch noch) erlaubt werden, ein oder zwei Katzen zu halten. Aber ich weiß und kann ihr hoch und heilig versprechen, dass ich für jede von ihnen ein gutes zu Hause finden werde.

Ich bin sehr traurig gerade ohne dabei in Selbstmitleid zu versinken. Sehr traurig darüber, dass ich nicht "gut" groß geworden bin. Geschützt und mit Sicherheit. Ich wusste nie, was ich hinter der Tür vorfinden werde. Ich wusste nie, wann meine Mutter vielleicht wieder die Rotweinflaschen in meinem Schrank, in dem ich meine Spiele verstaute, horten würde, egal ob leer oder voll. Nicht, wann wieder Geschirr zerbersten würde, sich beide die Seelen aus dem Leib schreien. Oder meine Mutter kommt, mit blauen Flecken an den Armen und einem blauen Auge und sagt "Das war dein Vater". Es gibt unendlich viele Bilder, die kein Kind je gesehen haben sollte - und sie verfolgen mich. Zur Zeit mehr denn je, weil sich die Situation immer weiter zuspitzt. Es geht mir besser als früher, weil ich älter geworden bin, mehr Fähigkeiten entwickelt habe und ausgezogen bin, sobald ich 18 war. Keinen Monat nach diesem Geburtstag riss ich mir die Fingerkuppen wund, als ich mich in meiner heutigen Wohnung an der damaligen Tapete zu schaffen machte. Und letztlich, weil ich mich - zumindest ein bisschen - besser von alledem distanzieren kann.

Menschen, die nicht ähnliche Erfahrungen gemacht haben, werden vermutlich nie verstehen, weshalb man sie trotzdem besucht, sie trotzdem irgendwie "liebt" und man sich trotzdem irgendwie um sie kümmert und Zeit mit ihnen verbringen will. Wie kann man hingehen zu einer Frau, die sich die Rotweinflasche über den Kopf gießt und dabei wie irre lacht oder zu einer Frau, die einem gesagt hat, dass man sich in einer Opferrolle wohl fühle. Wie kann man zu einem Mann gehen, der einem mit der flachen Hand ins Gesicht schlug, als man gerade sechs Jahre alt war, mit der Begründung man habe beim Spiel geschummelt. Zu jemandem, mit dem man mit - ich glaube - 21 einen Streit anfängt, weil man sich nicht mehr anfassen und belabern lässt von einem vollgesoffenen Typen, der einem anschließend, beim Gehen, den Weg zur Tür abschneidet, einen nicht raus lässt und als man doch irgendwie raus kam, über den Laubengang nachlief und nach einem trat, sodass man der länge nach aufs Maul fiel (Tage später entpuppten sich meine Schmerzen als zwei angebrochene Rippen).

Also, wie kann man? Die Antwort ist so einfach und so traurig: Weil es die Eltern sind. Die einzigen. Man hat nur sie. Und man ist wieder und wieder der kleine Herkules, der sie auf die Schultern hievt und will, dass sie sich vertragen, der keine Angst mehr vor seinem Vater haben will, keine Angst mehr um seine Mutter. Man will immer noch, selbst mit 24, allein lebend, halbwegs auf eigenen Beinen stehend, eine verdammte Familie haben. Ich glaube, man akzeptiert das nie. Nicht vollkommen. Die Vergangenheit, die sich auf das zu Hause bezieht.

In der Therapie heißt es, dass man fast alles, was einen zu dem gemacht hat, was man heute ist (im klinischen Sinne betrachtet), nicht selbst angezettelt und verbockt hat. Dass es scheiß-unfair ist, dass darüber zu Zetern aber nicht lohnt, weil man sich allein darum kümmern muss. Richtig.

Dank meiner Kindheit, meinen Eltern, der Art und Weise wie ich groß wurde, habe ich einen sehr großen Koffer hinter mir her zu schleifen. Die meiste Zeit wiegt er mehr als ich selbst und mir tun die Arme vom permanenten Ziehen unglaublich weh. Dann mache ich Pause. Das ist schmerzhaft, aber ansonsten komme ich wieder nicht vom Fleck. Als ich zum ersten mal realisierte, dass es Situationen gab (genau zwei) in denen ich Alkohol trank nur um mir selbst damit weh zu tun, hat das etwas mit mir gemacht. Angst loderte auf, ich rührte nichts mehr an. Hatte wieder Bedenken überhaupt an einen Tropfen ran zu gehen. Das Gefühl, mir damit etwas tun zu wollen, ist heute noch ab und zu da, aber nicht so schlimm. Ich kann etwas trinken, sogar so viel, dass ich es im Körper merke, ohne dass es großartig schlimm ist. Was jedoch bleibt, ist die Unsicherheit und auch die, ja, nunmal die Angst, wenn andere betrunken sind. Das nicht, weil zufällig mal jemand unter Alkoholeinfluss ausgerastet ist, mich einschloss und verprügelte, zumindest nicht vordergründig. Sondern weil ich in einem - auch wenn ich das Wort nach Möglichkeit meide - Alkoholikerhaushalt groß wurde und irgendwann selbst potentielle Suchtprobleme entwickelte (das Hungern, die Tabletten).

Was mir neben alledem bleibt, ist weiterhin meinen Kopf erhaben zu halten, mich von meinem Freund gut behandeln lassen, glücklich mit ihm sein und an meiner beruflichen Zukunft zu basteln. Und gesund zu werden, da hinten, weit am Horizont. Weg von einem posttraumatischen Blabla und noch viel weiter weg von depressiven (scheiße ja, es ist so) Zuständen. Meine Freundinnen behalten und ab und zu realisieren, wie niedlich meine Kaninchen sind.

Und danke, dass du mich liebst und ich nicht mehr so allein bin, solltest du das hier je bis zu Ende gelesen haben. Vielleicht komme ich auch auf dich zu und werde dich bitten es zu tun. Weil du die Dinge, die hier stehen, wissen solltest. Und ich nicht glaube in absehbarer Zeit - oder überhaupt irgendwann - in der Art darüber sprechen zu können.

12.12.13 21:08

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