dancing on the borderline


Weil ich also unbeabsichtigt genau die Worte an ihn schickte, die ich vorher an Stefanie geschrieben hatte, befand ich mich einige Zeit später in einem Telefonat von dem ca 45 Minuten nur auf dem einen Satz beruhten: "Und ehrlich gesagt hätte ich viel lieber noch weniger an mir dran."

Okay. Ich habe weder laut losgeheult noch habe ich ihn aggressiv behandelt. Ich habe es geschafft einigermaßen ehrlich und offen darüber zu sprechen. Gelogen habe ich nicht. Lediglich einiges von allem erwähnt. Aber eben nicht alles. Entweder wollte ich ihm das nicht antun oder ich wollte es selbst nicht hören. Ich finde das allerdings auch ziemlich hinfällig, da ich sogar Hinweise gab, woran man sehen könnte, dass es sich verschlechtert. Dabei wollte ich mir auch ständig auf die Zunge beißen. Zum Teil habe ich's getan, zum Teil nicht.

Ich notiere etwas, das ich ihm bereits sagte. Ich bin einmal jemandem "unter der Hand verschwunden". Irritation, Traurigkeit aber vor allem Aggression waren die Folgen davon. Damals war mir das fast komplett egal. Es war mein Ding, meine Sache, das einzige, in das sich niemand einzumischen hatte. Das einzige, das irgendwie noch mir gehörte und das ich unantastbar vor allem und jedem mit mir herumtragen konnte. Es gab mir das Gefühl eine (allumfassende) Kontrolle zu haben. Nach der Oktobernacht war es bei meinen Voraussetzungen und Vorerfahrungen fast schon logisch so etwas zu entwickeln.

Ich habe noch eben so die Kurve gekratzt. Glaube ich. Warum? Weil ich nicht krank aussehe. Und weil ich nicht mehr körperlich krank bin. Aber: Was ist mit dem Fast-Umkippen von letzter Woche? Was ist mit meinen splittrigen Fingernägeln? Mit dem Muskelzittern (Magnesium schlug nicht an)? Dem Herzrasen (sofern das nicht alles zur Angst gehört)? Was ist mit den aufgerissenen Mundwinkeln von denen einer sechs Wochen zur Heilung benötigt hat? Was ist mit der - noch immer - ausbleibenden Blutung?

Ich empfinde mich nicht als krank, vor allem nicht als so aussehend. Ich finde auch, dass ich weit mehr als genug esse. Wobei die meisten anderen Menschen diese Meinung nicht teilen.

Was mir vergangenen Sommer half, war ganz einfach er. Ich fing automatisch an hin und wieder etwas mehr zu essen, weil ich mich psychisch hin und wieder stabilisierte und auch stabiler fühlte. Und ihm will ich nicht unter seiner Hand verschwinden. Vor allem, weil ich ihm das nicht antun will. Er verdient es nicht. Er verdient es nicht wegen so etwas in Sorge zu sein, Angst zu haben, ohnmächtig zu werden, mir nicht (mehr) helfen zu können.

Diejenige, die ihn anmeckert, wenn wir zu wenig gegessen haben oder nichts mehr zu Abend essen, diejenige, die an einem Abend nach Hause gefahren ist nur um noch etwas zu essen - die gleiche ist auch die, die die allermeiste Zeit wirklich glaubt verdammt nochmal hervorragend mit 500kcal am Tag auszukommen.

Es gibt dieses eine Bikinibild aus jenem Jahr, in dem ich so viel mehr wog als jetzt. Das jetzige Gewicht habe ich schon, ich würde annehmen seit ca April/Mai letzten Jahres. Genau kann ich das natürlich nicht sagen, weil ich Angst habe mich auf eine Waage zu stellen. Gestern studierte ich es wieder eingehend. Und damals wie jetzt überkam mich nur ein Gefühl, dessen Bestimmung mir zur Abwechslung mal gar nicht schwer fiel: Ekel. Nur war der Ekel damals nicht so erheblich wie heute. In Erinnerung an eine therapeutische Methode den Erkrankten Bilder verschiedener "Stadien" vorzulegen, teilweise auch von sich selbst, um herauszufinden ob sie überhaupt einen Unterschied sehen können (auch das erzählte ich ihm - dass ich Monate lang gar keine Veränderung im Spiegel feststellen konnte). Also versuchte ich ein fast gleiches Bild von mir jetzt zu machen. Ich legte mich in etwa so hin und passte in etwa den Winkel ab. Das Ergebnis war zweischneidig: Ich sah und sehe auch heute noch einen deutlichen Unterschied. Ich denke, dass das auch beständig bleiben wird. Was sich allerdings zwischen gestern und heute schon mehrmals geändert hat, sind die Gedanken in Bezug auf das aktuelle Bild: "Oh mein Gott, das ist... Du solltest wirklich nicht... weiter runter gehen mit dem Gewicht" und "Hm. Ein bisschen weniger ist schon noch drin. Das würde schöner aussehen". Diese einander absolut entgegengesetzten Gedanken versuchen sich gegenseitig in Grund und Boden zu kreischen. Derweil wird mir schwindlig.

Die beiden Menschen, die mir am meisten am Herzen liegen, benutzten die gleichen Worte: Der Grad, auf dem ich wandle, ist sehr sehr schmal. "Nach unten abkippen geht gar nicht", sagen sie beide.

Was mich außerordentlich mitnahm, waren einige seiner Worte. Deshalb kritzelte ich sie auch während er sprach auf meine Schreibtischunterlage. Er wisse nicht, ob er mich dann überhaupt noch erreichen könne, geschweige denn mir gescheit helfen. Ob er mir dann noch die Hand geben könnte, um mich hinauszuziehen, weil er nicht mehr weiß wie. Dass er davor große Angst habe. Ein weiterer Aspekt war meine Optik, die ihm dann vermutlich nicht mehr so extrem gefallen würde, wie sie es heute tut. Ich verstehe: Ich befinde mich auf seiner persönlichen untersten Grenze. Und er möchte seine wunderschöne Jasmin behalten und weiter mit ihr angeben und andere Männer eifersüchtig machen. An dem Punkt wollte ich wirklich nur noch los heulen.

Die Frage des Tages ist auch heute wieder: Esse ich überhaupt etwas zu Abend? Falls ja - was? Was ist "in Ordnung"? Was erlaube ich mir? Muss ich morgen essen (weil Gesellschaft da ist oder man Essen geht mit anderen) und wenn ja, muss ich das dann nicht heute mit Nicht-Essen kompensieren? Wie sehr möchte ich gerade einfach nur noch weniger an mir dran haben? All das ist katastrophal schwierig zu beantworten. Gestern habe ich nach dem Telefonat noch etwas gegessen, weil ich der Situation aus dem Weg gehen wollte, in der er mich fragen könnte, ob und was ich noch gegessen hätte. Ich wollte ihn nicht anlügen müssen. Obwohl mir doch die Lügen in dem Thema so leicht über die Lippen kommen. Er sagte, das würde davon zeugen, dass ich mich auch selbst nicht belügen möchte. Allerdings verstehe ich das inhaltlich überhaupt nicht, egal wie lange ich darüber nachdenke.

16.1.14 19:39

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