Meine Kindheit war nicht unglücklich, nur unbehaglich. Ich hatte das Gefühl, einerseits ein ganz normales Leben zu führen und mich andererseits ständig von außen zu beobachten. Ich sehnte mich danach, dazuzugehören, und fürchtete mich zugleich vor dem, was geschehen würde, wenn meine Sehnsucht sich erfüllte. Tatsächlich verlief mein ganzes Leben so: Ich betrat die Alltagswelt und verließ sie wieder, war von ihrer Sinnlichkeit fasziniert, und gleichzeitig machte sie mir Angst. Die Parallelen in meinem Verhältnis zum Essen und zu meinem Körper waren offensichtlich: Bulimie – im Essen schwelgen und dann Erbrechen; Anorexie – das Essen verweigern und im Hunger schwelgen.

Als Kind war ich ständig unterschwellig nervös, als ob mir immer Gefahr drohte: Da war immer etwas Dunkles und Bedrohliches, ein tiefer Punkt im Wasser, ein Ort, der still und kalt war. Ich befürchtete, dass der Schah von Persien, den ich im Fernsehen gesehen hatte, unter meinem Bett lag und nur darauf wartete, mich zu schnappen und zu verschleppen. Ich hatte schrecklich, schrecklich viel Angst vor der Dunkelheit und vor meinen Träumen, in denen ein furchteinflößender schwarzer Mann mich nachts, wenn ich schlief, kidnappte. Ich zog es vor, bei fest verschlossener Tür auf meinem Zimmer zu bleiben, die Kommode vor die Tür zu schieben (sie wog nicht allzu viel) und mich dann mit einem Buch auf dem Bett zusammen zu rollen.

Der Schrei in der Nacht, das Schluchzen, während ich hastig durch den dunklen Flur stolperte, den schier endlosen Weg bis zur Tür meiner Eltern zurück legte, das unzusammenhängende Gebrabbel über Monster, die sich in meinem Kleiderschrank versteckten, das verzweifelte Weinen: Ich weiß doch dass mir hier nichts passieren kann? Hysterisch: Oder nicht?! Meine Mutter mit wirrem Haar und in gestreiftem Pyjama, setzte sich schläfrig in ihrem Bett auf, trug mich in mein Zimmer zurück, setzte sich sich neben mich auf die Bettkante und blieb so lange da bis ich wieder einschlief. Dann der Kassettenrecorder, den ich unter mein Kopfkissen legte, um mir Geschichten auf Kassette anzuhören. Wenn ich ihnen nur lange genug lauschte, dann würde der Morgen kommen, aber wenn ich nicht zuhörte, dann würde das schreckliche Gebet wahr werden: „Wenn ich sterben sollte, bevor ich aufwache… .

 

Die Psychologen kritzeln Worte auf ihre Notizblöcke: Magisches Denken. In ihren Büchern nennen sie dies „eine Disposition, die das Metaphorische als Faktum definiert“ und die mit der Neigung einhergeht, Objekten „primitive, magische Kräfte“ zuzuweisen. So weise ich auch Nahrungsmitteln magische Kräfte zu. Ich bin fünf, als ich auf einem Stuhl stehe und mir selbst ein Erdnussbuttersandwich mache. Ich weiß: Wenn ich dieses Sandwich mit genau zwanzig Bissen, nicht mehr und nicht weniger, esse, dann werde ich glücklich sein. Wenn ich mehr oder weniger als zwanzig Bissen dafür brauche, werde ich unglücklich sein.

Sehr viel später entwickle ich eine ganz ähnliche Vorstellung: Wenn ich nur einen Becher Joghurt am Tag esse und dafür genau zwei Stunden brauche, und wenn ich zusätzlich alle fünfzehn Minuten etwas in meinem Buch weiterlese, um mir zu beweisen, dass ich mit dem Essen aufhören kann, wann ich will, dann bin ich in Sicherheit. Auf diese Weise bewahrte ich die diktatorische Kontrolle über meinen Körper, mein Leben, meine Welt. Aber wenn mir auch nur ein Bissen „unsicheres“ Essen über meine Lippen kam, wurde es nicht auf die übliche, biologische Weise von meinen Köper verarbeitet, sondern auf magische Weise dazu führen, dass mein Körper wächst, wie bei Alice im Wunderland, als sie einen Bissen vom falschen Kuchen aß.

 

Viele Kinder entwickeln komplizierte Selbstschutzmechanismen, die ihnen das Gefühl geben, ihre Umgebung kontrollieren zu können: sie erfinden imaginäre Freunde, bestimmte Arrangements von Stofftieren, die sie im Arm halten, wenn sie schlafen gehen. Mit zunehmenden Alter halten sie immer weniger an diesen Systemen fest, denn sie entwickeln ein Gefühl der inneren Sicherheit. Ein Gefühl, dass die Welt ihnen nicht ausschließlich feindlich gesonnen ist. Meine Systeme – präzise Anordnungen von Nippes auf meiner Kommode, von Stofftieren, die mit „urtümlichen, magischen Kräften“ ausgestattet waren, genaue Vorschriften, wie ich die Straße lang gehen musste, und ein seltsam ritualisiertes Esseverhalten, selbst in frühester Kindheit (die Anzahl der Bissen, die Größe der Bissen und die Anzahl der Kaubewegungen betreffend) – wirkten wie ein Puffer zwischen mir und der Welt. Meine Konzentration auf Details beruhigte mich. Ich weigerte mich wohl einfach, die Welt als größeren Zusammenhang zu sehen, und wenn ich es doch einmal tat, dann weiteten sich meine Pupillen vor Angst, ich blinzelte und wich ihrem bösen Blick aus.

Auch eine Essstörung ist ein solches System. Durch sie fühlte ich mich sicher, was letztlich nur ein Indiz dafür ist, wie unsicher ich war. 

 

Im Rückblick bestand das Problem unter anderem auch darin, dass viele widersprüchliche Dinge auf einmal geschahen. Ich lebte in einer vollkommenen kleinen Familie, bestehend aus drei Menschen, wir drei gegen die Welt, eine verschworene Gemeinschaft. Wir standen einander sehr nahe – die meiste Zeit über zumindest. Aber es irritierte uns, wie schnell sich das Leben veränderte. Plötzlich stand die Welt auf dem Kopf, und dann wieder auf den Füßen; die vollkommene kleine Familie wurde von der kleinsten Berührung auseinandergerissen, das Team zersplitterte in kleinere Bündnisse, wobei die Spieler ohne Vorwarnung die Mannschaft wechselten. Mein Vater, ein gut allgemeingebildeter Mann, war wechselweise voll Interesse genauso wie er voll cholerisch war. Meine Mutter, eine Frau die ihre Gefühle im Wein auszuleben pflegte, war wechselseitig zärtlich und eisig. Meine Kindheit war der Fahrt in einem Autoscooter vergleichbar. Wir rasten herum wie die Verrückten, stießen zusammen und prallten wieder voneinander ab. Mir machte das damals nur sehr wenig aus. Normalerweise zog ich mich in mein Zimmer zurück wo alles beständig war. Die Vorhänge waren immer die gleichen, ebenso wie meine endlosen Sammlungen – Steine, Muscheln, Federn, Nippes, die mit Sorgfalt auf meiner Kommode angeordnet wurden – immer wieder – zwanghaft organisiert, abgestaubt und arrangiert. Die Bücher und die Ecke, in die ich mich verkroch, waren immer dieselben.

Meine Eltern dagegen waren niemals dieselben. Wenn ich meine Zimmertür öffnete, konnte ich nie sicher sein, was ich vorfinden würde: meinen Vater, liebevoll und fröhlich, zum spielen bereit? Meinen Vater, der mit rotem Gesicht meine Mutter anschreit? Meine Mutter, heiter und zum plaudern aufgelegt? Meine Mutter mit steinernem Gesicht, die meinen Vater angiftet? Meine Eltern, eine Einheit, die sich gegenseitig im Alkohol zu ertränken sucht? Meine Eltern, eine Einheit, die mit forschen aber besorgten Gesichtern wissen will, warum ich denn so weine?

Bei bulimischen jungen Frauen geht man davon aus, dass sie aus chaotischen Familien stammen. Bei Frauen, die unter Anorexie leiden, nimmt man an, dass die Ursprungsfamilien eine sehr strenge Kontrolle ausüben. Zufällig war in meiner Familie beides gleichzeitig der Fall.

In unserer Kindheit lernen wir uns zu beherrschen – uns zu beruhigen, die Tränenflut zu stoppen, unserer Ängste Herr zu werden. Hierbei handelt es sich um einen notwendigen Prozess. Normalerweise beobachten Kinder ihre Eltern, nehmen sie als Vorbild und ahmen sie nach. Aber man bekommt ganz schöne Probleme, wenn die Mittel der Selbstregulierung, die die Eltern anwenden, etwas seltsam sind.

Mein Vater soff wie ein Loch, rauchte wie ein Schlot und schrie bei jedem noch so geringen Anlass lauthals herum. Meine Mutter soff wie ein Loch, rauchte wie ein Schlot und fraß wie ein Scheunendrescher. Manchmal stand sie vorm Spiegel und sagte wie fett sie sei – vor allem seit sie mich bekommen habe. Mein Vater machte oft seine Späße über Körperumfang und Gewicht, und obgleich ich noch so klein gewesen sein mag, irgendwie wusste ich dass ein Problem bestand. Ich beobachtete sie also beide und richtete mich nach ihnen: essen, übergeben, verhungern, schreien, ausreißen, verschwinden, wiederauftauchen, ganz brav sein, still sein. Natürlich gab es noch zahlreiche andere Faktoren die zu meiner Essstörung beitrugen aber von Grund aus tat ich nichts anderes, als die typische Situation am heimischen Abendbrottisch zu verarbeiten und auszufeilen.

 

Meine Beziehung zu meinen Eltern war immer sehr komplex, trotzdem bleibt die einfache Tatsache, dass sie beide Nahrung als Kommunikationsmittel einsetzten: der eine aß übermäßig viel, die absurdesten Dinge wie Brötchen mit Margarine und Eiern mit Mayonnaise obenauf (das Maggi nicht vergessen!) während der andere immer akribisch darüber berichtete wie viele fette Menschen er gesehen habe und wie gut er kochen könne und dass wenn ich einmal so aussehen würde, er ein Schloss an den Kühlschrank montierte. Essen war irgendwie gleichzeitig Trost und Suche. Es war von Anfang ein verdammtes Problem. Ein verdammt großes Problem.

Wenn man die beiden beobachtete, bot sich einem folgendes Bild: Mein Vater mit steifem Rücken, ließ meine Mutter unberührt auf dem Teller liegen. Meine Mutter, unersättlich, versuchte meinen Vater zu verschlingen. Genau so gut hätten sie sich ständig anschreien können: Ich brauche dich/ich brauche dich nicht.

Und ich saß auf meinem Stühlchen, später dem Stuhl, neben ihnen – zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben usw Jahre alt – weigerte mich, zu essen, was sie von der förmlich greifbaren Spannung untereinander ablenkte. Ich wurde zu ihrem Bindeglied, zu dem einzigen Thema, bei dem sie sich einig waren. Bitte, iss was. Wenn ich übertrieb, ließen sie mich so lange sitzen, bis ich aufgegessen hatte. Ich kaute das Fleisch so lange bis ich es nicht mehr schlucken konnte und mir außerdem zum kotzen war. Ich durfte immer noch nicht aufstehen.

Komischerweise aß ich bei meiner Großmutter regelmäßig und ausreichend. Vielleicht lag das daran, dass ich aufhören durfte wenn ich satt war und nicht gezwungen wurde Dinge zu essen, die ich nicht wollte.

Ich war, so sagen sie Psychologen später, die Person, die in unserer Familie die Symptome entwickelte. Man führt ein Pantomimenspiel auf, eine Darstellung der Familienprobleme und übernimmt alle Rollen. Das Publikum – in diesem Fall die Eltern – applaudiert, und die Pantomimin verbeugt sich. Der eigentliche Hintergrund aber ist, dass die ganze Familie jede Menge Wind um die betreffende Person macht und deshalb für eine Weile mit dem Streiten aufhört. Doch dieser Mechanismus wirkt nur beim ersten oder zweiten Krankenhausaufenthalt. Danach halten sie einen sowieso nur noch für verrückt, deshalb muss man eine neue Legitimation dafür suchen, dass man sich zu Tode hungert - denn darauf läuft es immer hinaus. „Die Eltern sind häufig sehr stark auf sich selbst fixiert, scheinen nach außen hin allerdings sehr besorgt um andere Familienmitglieder zu sein."

 

Um das, was offensichtlich nicht funktioniert, doch noch zum Laufen zu bringen, reißt man sich ständig beide Beine aus. Man stellt sich vor, ein kleiner Herkules zu sein, die zankenden Eltern auf die Schultern zu hieven und sie umherzutragen. Doch irgendwann ist man es leid. Man weiß, dass man sich eines Tages aus dem Staub machen wird. Erst einmal allerdings immer schwächer wird. Sie dann fallen lässt – oh. Man schlägt seinen ständigen Wohnsitz in seinem Bett oder dem Krankenhausbett  auf, wo man im Zentrum des Interesses steht. Wo man selbst, rachsüchtig und infantil, wie man ist, die eingesunkenen Augen auf sie richten und sagen kann: J’accuse. Woraufhin sie prompt anfangen, sich gegenseitig die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, dass man so verkorkst ist.

Ich habe die Erwartungen meiner Eltern nicht erfüllt. Mein Vater erwartete –oder hoffte zumindest darauf-, dass ich ihn bewundern und ihm das Gefühl geben würde, gebraucht zu werden. Ich sollte immer Kind bleiben, jetzt und in alle Ewigkeit. Im Gegensatz dazu erwartete meine Mutter eine Miniaturerwachsene. Hör auf, dich wie ein Kind zu benehmen, sagte sie. Das verwirrte mich. Ich war doch schließlich ein Kind, aber trotzdem hatte ich verstanden. Hör auf, dich wie ein Kind zu benehmen. Sei, was du willst, aber lass es keinen merken. Zieh kein Gesicht, lerne auswendig, was du antworten sollst, setz dich gerade hin. Benutze die richtige Gabel, lege die Serviette in den Schoß, sag Entschuldigung, sag bitte, lächle, verdammt nochmal, gib keine Widerworte, pass auf, was du sagst, benimm dich, beherrsch dich. Ich hatte immer ein bestimmtes geistiges Bild von mir: Flüssigkeit drang durch die Hülle meiner Haut nach außen, meine Tränen fluteten den Raum. Ich biss mir auf die Lippe, bis sie blutete, und legte die Stirn in tiefe, grimmige Falten.

Ich glaubte sogar damals schon, dass ich, wenn ich erst dünner wäre, mein Elternhaus verlassen und großartig in welcher Disziplin auch immer werden würde, wenn ich schließlich etwas eigenes entwickeln könnte – etwas, das ich damals nicht so recht in Worte hätte fassen können und das ich heute mit dem Begriff Identität umschreiben würde. Erst im Rückblick wird mir klar, dass ich versuchte, dem zu entrinnen, was mein Schicksal zu sein schien: eine Imitation eines meiner Elternteile zu werden und auf diese Weise den Zorn des anderen zu erregen. Wie oft schon war es vorgekommen, dass einer von beiden ausgespien hatte: "Oh, du bist genau wie dein Vater/deine Mutter." Doch wenn ich etwas tat, was ihnen gefiel, dann frohlockten sie: "Oh, du bist genau wie ich."

Als ich etwa sieben war, begann ich, ohne dass ich es hätte aussprechen können, zu glauben, dass alles gut würde, wenn es mir nur gelänge, meinen Körper zu beherrschen. Wenn meine Körperflüssigkeiten den Raum nicht mehr erfüllten, hätte ich die Kontrolle. Wenn ich ein schmächtiger, ordentlicher, knochiger kleiner Schatten meiner selbst wäre, dann würde die krachende Flutwelle meines Selbst, das in meiner Haut steckte, verebben, die Gefahr der Überflutung und des Übermaßes wäre gebannt, alles wäre still. Ich schloss mich im Badezimmer ein, stand auf dem Badewannenrand und starrte auf den Körper, den ich vor mir im Spiegel sah. Ich weinte. Und dann kniff ich mich selbst, so, dass es wehtat, und befahl mir, mich nicht länger wie ein Baby zu benehmen. Heulsuse, dachte ich bei mir. Fettes, kleines Schwein.

Soweit ich weiß, mochten meine Eltern sich nicht besonders, obwohl sie sich angeblich liebten. Sie sind noch immer miteinander verheiratet. Sie schreien und beißen und schlagen weiterhin drohend mit den Flügeln wie wunderliche alte Gänse, aber sie sind noch verheiratet. Wie viele Eltern essgestörter Menschen boten sie sich in meiner Kindheit bemerkenswert wenig Unterstützung. Jeder war eifersüchtig auf den Erfolg des anderen; bittere und sarkastische Bemerkungen waren an der Tagesordnung. Partner, die sich gegenseitig keine Stabilität geben und einander nicht fürsorglich behandeln können, sind kaum in der Lage, einem Kind die beständige emotionale Wärme und Fürsorge zu geben, die es benötigt. In Ermangelung einer ehelichen Allianz werden die beiden sich unabhängig voneinander mit dem Kind zu verbünden suchen. Das Kind wird zum Faustpfand, zum Tauschobjekt: Jedes Elternteil versucht, das beste, das liebevollste, warmherzigste, fürsorglichste zu sein. Der Erfolg bemisst sich daran, wen das Kind am meisten liebt. Mein Job bestand darin, mich so zu verhalten, als ob ich sie beide am meisten liebte – wenn der jeweils andere gerade nicht in der Nähe war.

Nahrung hat für den Menschen zwei grundlegende Funktionen: Sie sättigt und vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit. Das physikalische Essen verwandelt sich in unserem Denken in menschliche und emotionale Wärme, in das Gefühl, dass unser grundlegender Hunger gestillt wurde. Selbst wenn man sich in einem Fressanfall Hände voller Pommes in den Mund stopft, hat man das Gefühl, dass die Leere sich füllt, wenn auch nur für kurze Zeit. Zweitens löst Nahrung eine einfache, chemische Reaktion aus, die eine beruhigende Wirkung auf Gehirn und Nervensystem hat. Essen gab mir das Gefühl, dass alles gut werden würde. Wenn ich die Dinge nur auf eine bestimmte Art und Weise zu mir nahm, wenn ich besonderen Speisen den Vorzug gab – Pilzsuppe, Toast, Käsetortillas, Rühreiern -, dann standen meine rasenden Gedanken still, ich versank nicht länger im verwirrenden Strudel der Welt, und meine Augen hatten einen Punkt auf den sie sich konzentrieren konnten: das Buch neben dem Teller, das Essen, die vor mir liegende Hausarbeit. Wenn ich aß, kehrte Ruhe ein.

 

Ganz wichtig: Ich bin mit dem Theater aufgewachsen. Meine Eltern waren keine Schauspieler und Regisseure und auch ansonsten gab es keinerlei Affinität zu den darstellenden Künsten in unserer Familie – aber ich stand zum ersten mal mit fünf Jahren im Saal – klassisches Ballett. Erste Aufführung mit sechs. Im Nachhinein betrachtet bin ich eines der extrem wenigen Kinder gewesen, die für immer blieben, physisch wie psychisch. Ich liebte die Unterrichtsstunden, ich liebte das System – alles war genau abgestimmt, vorhersagbar. Später, während der Ausbildung, würde ich mich aufregen über das „unnachgiebige Stangendiktat des Balletts“ aber meine Kindheit und auch Jugend über war der Saal mir immer wie ein nach Hause kommen erschienen. In vielerlei Hinsicht prägten mich jahrelanges Training auch mental, oder sagen wir, es verstärkte ohnehin stark ausgeprägte Charakterzüge umso mehr. Es gab mir was ich andernorts oder in mir selbst nicht finden konnte – Stärke, Disziplin, Kontrolle. Überflüssig zu erwähnen, dass ich mir nie so gut vorkam, wie ich tatsächlich gewesen bin (in den allermeisten Fällen die Beste, später auch in den höheren Klassen). Ich war sechs, als ich nach den Stunden vor den Spiegeln stand und weiter übte. Meine Lehrerin aus jenen Kindheits- und Jugendtagen ist heute vielleicht die wichtigste Person in meinem Leben, weil sie eine Konstante gewesen ist und weil sie mich, so wie sich unser Verhältnis später entwickelte, auch über den Saal und die ersten Spitzenschuhe hinaus, nie allein gelassen hat.

Heute kann ich mit Sicherheit und Gewissheit sagen, dass es keinen anderen Ort auf der Welt gibt, der den Narzissmus so fördert wie das Theater, und aus dem gleichen Grund ist es auch nirgends einfacher zu glauben, dass man eigentlich leer ist, dass man sich selbst beständig neu erschaffen muss, um das Publikum weiterhin in seinen Bann zu ziehen. Soweit ich mich zurück erinnern kann, war ich fasziniert von den Verwandlungen, von Trugbildern, Rauch und Spiegeln. Ich hielt ganz still, wenn mir die Haare zurück gebunden oder die Nase gepudert wurde. Ich liebte die Garderobe. Spiegel, die von blendenden Lichtern umgeben waren, Kostüme, das geschäftigte Treiben, den Tüll, die Perücken, Masken, Schachteln, die Hüte, die Räume, die lauten Stimmen, das Gelächter, die Gesangsfetzen, die vorbeihuschenden Schatten aus Stoff und Haut. Dennoch kam ich mir sehr viel später in meiner Garderobe für die Solisten einsam vor. Als ich noch klein war, kam eine Dame aus der Maske und sagte komm, lass mich das machen. Mein Lippenstift ging über die Lippen hinaus und war etwas zu rot. Ich erinnere mich an den Duft von Parfüm und Haarspray, an den moschusartigen Geruch von Samt. „Siehst du, jetzt bist du richtig hübsch.“ Ich starrte dieses fremde, ferne Mädchen im Spiegel an, erfreut darüber, wie erwachsen ich aussah. Nicht das ängstliche kleine Baby mit den weit aufgerissenen Augen, das mir im Spiegel zu Hause entgegenblicke. Richtig hübsch. Ein neues Ich.

Es gab einen Trainer, ein sehr grimmiger, verbissener Typ. Aber phantastisch. Eines Abends war ich völlig außer mir. Ich weinte und rieb mir die Augen, verschmierte mein Make-up. Schließlich packte er mich an den Schultern, schüttelte mich und befahl: Kind, wenn du hierher kommst, dann lass deine Probleme zu Hause. Diesen Spruch hatte ich schon früher gehört, normalerweise wurde er Schauspielern zugerufen, die sich über irgend etwas beklagten oder jammerten. The show must go on, hieß es. Für eine Minute hörte die Welt auf, sich zu drehen. Ich wurde sehr still, wollte mich bei ihm entschuldigen und alles wiedergutmachen. Ich machte alles wieder gut indem ich tanzte als stünde mein Haar in Flammen. Zugegeben, zu diesem Zeitpunkt war ich bereits älter. Dennoch wollte ich mich wieder im Schrank verstecken, so wie einst. Nie zuvor hatte jemand Grund gehabt diese Worte zu mir zu sagen.

An der Akademie und an der Hochschule waren wir hungrig, verloren, verängstigt und jung, und wir brauchten Religion, Rettung, etwas, das die Höhle der Furcht in unserer Brust füllte. Viele von uns suchten ihr Heil im Essen und in der Schlankheit. Wir fühlten uns von der Suche nach der eigenen Identität überfordert und hungerten nach Wissen und Sicherheit. Viele von uns kamen aus Familien, die vor guten Vorsätzen und Ehrgeiz nur so strotzten. Wir lebten in einem Schnellkochtopf, standen ständig unter Druck; die Konkurrenz war groß, die Maßstäbe sehr hoch, die Zukunft alles andere als sicher, das Wissen, dass man ein schwieriges Leben wählt, und das Bewusstsein, dass die Chancen, es zu schaffen, nur gering waren, durchaus vorhanden. Das schuf ganz einfach einen Hunger nach Sicherheit.


Schon in frühester Jugend ging ich davon aus, dass nichts so war, wie es schien. Dem äußeren Schein durfte man nicht trauen. Tatsächlich durfte man nichts und niemandem trauen. Die Welt war in Schichten geordnet, und unter jeder Schicht lag eine weitere Schicht, wie bei den russischen Petruschka-Puppen. Es kam immer auf den Zusammenhang an. Es kam darauf an, welches Kostüm und welches Make-up man trug und welche Rolle man gerade spielte.

Irgendwo im hintersten Winkel meines Hirns gibt es die Gewissheit: Der Körper ist nicht mehr als ein Kostüm und kann durch reine Willenskraft verändert werden. Ein neuer Körper würde mich wie ein Kostüm zu einem anderen Menschen machen, einem Menschen, der möglicherweise irgendwann sogar gut wäre.

Ich lernte sehr früh, meinen Text sorgfältig zu wählen. Ich habe immer noch die schreckliche Angewohnheit, Menschen, die zu lange Pausen zwischen den Worten machen, vorzusprechen, was sie sagen sollen. Ich weiß im Voraus, was ich sagen soll.

 

Wir alle tragen unendlich viele Kisten und Taschen mit staubigem, altem Krimskrams aus der Kindheit mit uns herum: Sammlungen aus Groll, lange Listen mit Wunden von größerer oder kleinerer Bedeutung, Erinnerungen, die wir verklärt haben, absolute Gewissheiten, die sich später als Irrtümer entpuppen. Menschen tragen emotionale Rucksäcke. Die Taschen bestimmen uns. Mein Gepäck machte mich zu jemandem, der ich nicht sein wollte: ein unterwürfiges Mädchen, eine empfindliche Pflanze, ein bedürftiges, gieriges Wesen. Ich begann schon in frühen Jahren, mich meines Gepäcks zu entledigen. Ich begann, eine neue Rolle zu konzipieren. Ich legte mir einen Plan zurecht. Als ich sieben war, schrieb ich ihn mit meinem Schönschreibfüller in grüner Tinte nieder und vergrub den Zettel in einem Gebüsch auf dem Weg zur Schule.

Niemanden brauchen. Beweisen, dass ich keine Bedürfnisse habe.